Der Ritus zwischen Symbol und Kunstwerk

Home » Der Ritus zwischen Symbol und Kunstwerk

Es besteht eine tiefe Verbindung zwischen Symbol, Kunstwerk und Ritus. In dem Buch Der Ursprung des Kunstwerkes (1935), das dem Kunstwerk und seinem Ursprung gewidmet ist, erkennt Martin Heidegger, dass es neben dem res noch etwas anderes in ihm gibt, und genau das macht das charakteristische und primär künstlerische Element aus. Das Kunstwerk ist res, d.h. materielle Produktion, aber es erlaubt uns, etwas anderes zu erkennen, es macht den Anderen deutlich, in ihm ist an sich etwas anderes vorhanden. Heidegger weist darauf hin, dass das griechische Substantiv συμßάλλειν „zusammensetzen“ bedeutet, aber auch „Symbol“. Das Kunstwerk ist also ein Symbol und besitzt wie dieses die Eigenschaft des „Zusammenfügens“.

Die archaische Verbindung zwischen Ritual und Kunstwerk

Die ursprüngliche Grundlage der Kunst ist das Ritual. Nicht ästhetische oder pädagogische Motive trieben den Urmenschen zur Malerei, sondern der religiöse Impuls, den verehrten Gegenstand unmittelbar zu erleben. Odo Casel schreibt:

Nicht ästhetische oder pädagogische Beweggründe führten den Menschen der Vorzeit zur Kunst des Bildes, sondern der religiöse Drang, den Gegenstand der Verehrung oder des Wunsches gegenwärtig zu haben. Daraus erklärt es sich auch sofort, daß der Gegenstand nicht naturalistisch getreu wiedergegeben, sondern zum symbolischen Zeichen stilisiert wurde. Der Blick des Menschen, seines Geistes, ging durch das Zeichen hindurch auf eine unsichtbare Welt, die er in dem Zeichen zu ergreifen hoffte.

O. Casel, Glaube, Gnosis und Mysterium…, p. 235.

Das Kunstwerk und das Symbol bei Odo Casel

Odo Casel stellt außerdem fest, dass der Ritus auch heute noch durch seinen hohen dramatischen Wert und die Tiefe der verwendeten Symbole zu einem Kunstwerk wird, das die Gläubigen in den erhabenen Kreis des göttlichen Handelns versetzt. Auch die antiken Mysterien konnten sich nicht auf bloße abstrakte Worte beschränken, sondern mussten auf die Symbolik zurückgreifen, um in einer kommunizierbaren Form dargestellt zu werden. Dies gilt umso mehr für die Mysterien Christi, deren tiefer und geheimer göttlicher Inhalt sich nicht nur an den menschlichen Verstand richtet. Diese außerordentlich intensive Erfahrung, schreibt der Benediktiner von Maria Laach, die alles übersteigt, was den Naturgesetzen unterliegt, muss, um ihre Ausdrucksform zu finden, auf Symbole, Farben, Klänge, Düfte und all den Zauber zurückgreifen, der der Poesie und der Kunst entspringt. Das Kunstwerk hat mit dem Symbol die Fähigkeit gemeinsam, sich dem bloßen Begriff zu entziehen:

Der Inhalt eines Kunstwerkes ist so, daß er eben nur in dem Kunstwerke seine Aussprache findet. Könnte man ihn in Begriffen ausdrücken, so wäre der Zauber des Kunstwerkes dahin; es bliebe nur eine nüchterne Allegorie, die man mit dem Verstande erfaßt und die einen deshalb kalt läßt. Ein Werk echter Kunst dagegen vermag den Geist und das Auge immer von neuem zu fesseln. Es ist wie ein Mysterium, das Tiefen birgt, die nie ausgeschöpft werden können.

O. Casel, Die Liturgie als Mysterienfeier…, p. 129.

Romano Guardini und das Kunstwerk als Ausdruck des Wesens

Dies ist auch der Gedankengang von Romano Guardini, der betont, dass die Kunst von ihrem Ursprung her wesentlich religiös ist und daher eine authentische Beziehung zum Kunstwerk unweigerlich zu etwas Religiösem führt.

Noch genauer: Das Werk ist die Stelle, wo die eigentliche Wirklichkeit, nämlich die göttliche, durchdringt, vortritt, sich zeigt, gegenwärtig wird.

R. Guardini, Ethik. Vorlesungen an der Universität München (1950-1962), Vol. II…, p. 797.

Durch das Kunstwerk wird der Betrachter von den Zwängen und der Unterdrückung des Alltags befreit und erlebt die Begegnung, die der Künstler-Schöpfer mit dem dargestellten Objekt hatte. Es ist ein Irrtum, ein Kunstwerk als einfachen Ausdruck der Innerlichkeit seines Schöpfers zu betrachten. Sie vermittelt nicht nur etwas Subjektives, sondern auch etwas Objektives und Allgemeingültiges; in diesem Sinne ist sie die Manifestation einer Essenz. Dieses objektive Moment, das in der antiken Kunst sehr stark war, hat laut Romano Guardini im Laufe der Jahrhunderte allmählich nachgelassen, ist aber immer noch in der Lage, sein Gewicht zu zeigen.

Die Krise von Symbol und Ritual

Diese fortschreitende Degradierung ging Hand in Hand mit einer Transformation der Idee des Bildes. Seit der Gotik, schreibt Odo Casel, sah die abendländische Kunst das Bild nicht mehr als Präsenz des Prototyps (symbolischer Wert), sondern nur noch als Mittel der Erinnerung und der Imagination. Sie wurde somit auf eine Illusion reduziert, die auf subjektiven Gedanken und Empfindungen beruht. Die Unfähigkeit des modernen Menschen, Bilder und Symbole zum Leben zu erwecken, liegt nach Romano Guardini darin, dass er sie durch den „Begriff“ ersetzt hat und damit die Möglichkeit verliert, sie zu erleben. Viele Symbole sind so im Unbewussten gefangen und dazu bestimmt, nicht an die Oberfläche zu kommen; und wenn sie es doch tun, werden sie weder akzeptiert noch verstanden. Infolgedessen ist die Kunst als Deutung des Daseins und Erhöhung des Lebens verschwunden; das, was der deutsch-italienische Philosoph die „geheimnisvollen Organe“ nennt, durch die der Geist in den entsprechenden Körper übersetzt wird, ist verkümmert.

Piaciuto l’articolo? rating on - Der Ritus zwischen Symbol und Kunstwerk rating on - Der Ritus zwischen Symbol und Kunstwerk rating on - Der Ritus zwischen Symbol und Kunstwerk rating on - Der Ritus zwischen Symbol und Kunstwerk rating half - Der Ritus zwischen Symbol und Kunstwerk (4 VOTI, MEDIA: 4,50 SU 5)

loading - Der Ritus zwischen Symbol und Kunstwerk Loading...

Torna alla Home

Bibliographie:

O. Casel, Glaube, Gnosis und Mysterium, in Jahrbuch für Liturgiewissenschaft 15 (1935), Münster, Verlag Aschendorff.

O. Casel, Das christliche Kult Mysterium, Regensburg, Verlag Friedrich Pustet, 1960.

O. Casel, Die Liturgie als Mysterienfeier, Freiburg, Herder & Co. G.m.b.H. Verlagsbuchandlung, 1922 (Ecclesia Orans, 9).

R. Guardini, Ethik. Vorlesungen an der Universität München (1950-1962), Vol. I e II, Mainz, Matthias-Grünewald Verlag, 1997.

R. Guardini, Über das Wesen des Kunstwerks, Tübingen, Rainer Wunderlich Verlag Hermann Leins, 1954.

R. Guardini, Welt und Person. Versuche zur christlichen Lehre vom Menschen, Würzburg, Werkbund Verlag, 1940.